Meine Schulzeit von 1944 bis 1953

Während des 2. Weltkrieges, März 1944, brachten meine Eltern mich aus gesundheitlichen Gründen in den Solling¹ am Harz zu Pflegeeltern. Zu dem Zeitpunkt war ich noch keine 6 Jahre alt.

Nach den Sommerferien, ich glaube es war September 1944, wurde ich im Solling in einer Dorfschule eingeschult. Wir waren mit 8 Jahrgängen in einer Klasse. Vor uns stand ein 75-jähriger, längst pensionierter Lehrer und teilte uns mit, alle Lehrer auch Junglehrer seien an der Front, und deswegen konnte noch kein Unterricht stattfinden. Das hieß also: Kaum waren wir eingeschult, wurden wir schon wieder ausgeschult. Für uns als die Kleinsten war es eigentlich gar nicht so unangenehm.Zum Ende des Krieges, ab April 1945, fand dann doch Unterricht statt. Aber wer stand da vor uns? Der längst pensionierte 75-jährige Lehrer. Der war mir sowieso nicht so recht geheuer, und er hieß auch noch Lehrer Heuer. Er war noch einer von der alten Schule, einer der kleine Kinder noch gerne wegen jeder Kleinigkeit mit dem Gertenstöckchen² schlug. Geschlagen wurde auf die geöffnete und gespannte Handinnenfläche. Wir durften noch nicht einmal lachen.

Wie lange wir diesen so genannten „Lehrer“ hatten, weiß ich nicht mehr so genau. Denn nicht lange nach Kriegsende kehrte ein Junglehrer aus der Kriegsgefangenschaft zurück und führte den Unterricht weiter. Wir waren alle froh, dass er uns dann unterrichtete. Dieser Lehrer war nett zu uns, und er schlug uns auch nicht.

In diese Sollinger Dorf-Schule ging ich bis Ende März 1948. Ab April 1948 ging ich dann in Essen, Berliner Straße, zur Schule. Allerdings war mein Deutsch miserabel. Ich musste mir erst einmal meinen Dialekt, das Plattdeutsch abgewöhnen. Mein Vater sorgte dafür, dass ich bei meinem Klassenlehrer noch zusätzlich nachmittags Nachhilfe in Deutsch erhielt. Ich lernte also wieder Hochdeutsch in Wort und Schrift. Nach einem Jahr hatte ich es dann auch mit dem Schriftlichen geschafft. Es war für mich ein hartes Jahr. Ich hatte Gott sei Dank einen sehr verständnisvollen Lehrer.

Nach diesem Jahr, also April 1949, schickte mein Vater mich gleich zur Mittelschule. Er hatte es gut gemeint. Leider bekam meine Klasse eine weniger verständnisvolle Klassenlehrerin für die Hauptfächer Mathematik und Deutsch. Ihr Nachname war Rose, und sie war ca. 36 Jahre alt. Den Namen kann man nicht vergessen, und er passte eigentlich nicht zu ihr. Die hatte zu viel mit sich selbst zu tun. Es hieß damals, ihr Verlobter sei im Krieg gefallen, und somit hatte sie für kleine kriegsgeschädigte Kinder wenig Verständnis. Sie wurde bei jeder Kleinigkeit leicht aggressiv, und ich musste bei jeder Kleinigkeit weinen. Entsprechend waren auch die Noten.

Allerdings hatten wir eine sehr nette und verständnisvolle Englischlehrerin. In der Englischstunde war ich mit Begeisterung dabei. Aber sie allein war nicht maßgebend, und so ergab es sich, dass ich nach einem halben Jahr wieder zur Volksschule zurück musste. Spätestens nach 3 Jahren gingen weitere Schülerinnen wegen Frau Rose von der Schule.

Auf der Volksschule gab es wieder angenehmere Lehrer. In den letzten ca. 3 Jahren hatte ich zwar einen strengen, aber sehr gerechten Lehrer, bei dem das Lernen wieder Spaß machte.

C. Goller, Mai 2014

¹ Der Solling ist ein Mittelgebirge im Weserbergland in Niedersachsen

² Ein Gertenstöckchen ist ein dünner biegsamer Stock, der früher zur körperlichen Züchtigung eingesetzt wurde. Gefertigt wurde er aus Rattan, Flechte, Weide oder Haselnuss. Man zählte die Schläge auf Hand oder bloßem Hinterteil mit Gertenstreichen. Zu der Zeit, als diese Zeitzeugin zur Schule ging, galt das Züchtigungsrecht der Eltern und auch der Lehrer gegenüber den Kindern. Dieses Recht wurde im Jahr 2000 per Gesetz abgeschafft. Heute haben Kinder ausdrücklich ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.

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