Die Pe-is-Kirmes

Die Innenstadt von Mülheim glich nach dem stärksten Bombenangriff in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 einem Ruinenfeld. Viele Straßenzüge lagen in Schutt und Asche

Über Jahre hinweg entsprach die heutige Durchgangsstraße, die Leineweberstraße, einem breiteren Feldweg mit zahlreichen Schlaglöchern. Und in den Jahren 1950 bis 1952 organisierten die Heimatvereine, allen voran die Bürgergesellschaft Mausefalle, hier, wie auch zwischen den Trümmerhäusern der Altstadt, zu Pfingsten die Pfingstkirmes, die so genannte „Pe-is-Kirmes“  (Mölmsch-Platt),  die mit dazu beitragen sollte, Mittel für den Aufbau des durch Bomben zerstörten Umfeldes zu gewinnen. Rund um den Kirchenhügel  wurde jedes Trümmergrundstück ausgenutzt, um Buden und Karussells aufzubauen. Viele Menschen schlugen ihren Spendennagel in ein Nagelschild ein, das den altehrwürdigen Petriturm der evangelischen Kirchengemeinde  zeigte. Die Geschäfte der Altstadt zeigten in ihren Schaufenstern Dokumente und Bilder aus dem alten Mülheim, und im Rahmen der gleichzeitig stattfindenden Mülheimer Heimatwoche fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die sich um das alte Mülheim und um Mülheimer Persönlichkeiten rankten.

An diese Pe-is-Kirmes, deren Ursprung vor 1898 lag, erinnere ich mich gerne. Nach dem leichtathletischen Training stürzten sich meine Sportsfreunde und ich in das muntere Treiben. Ein  „Hau den Lukas“ war  eine Jahrmarktattraktion, bei dem man mit einem Hammer auf einen gefederten Kopf  schlagen musste und in Abhängigkeit von der hierbei aufgebrachten Schlagkraft, wurde ein in einem Rohr befindlicher Metallkörper beschleunigt, der in einer Schiene nach oben stieg. Je mehr Kraft man beim Schlag aufwendete, umso höher stieg der Körper. Und wenn der Körper bei einem Schlag  genug Geschwindigkeit hatte, um das obere Ende der  Schiene zu erreichen, löste er auf mechanischem Weg ein Klingelsignal aus.

Vor zahlreichen Buden und Schaugeschäften wurden laut alle möglichen Sensationen an-gepriesen. Eine der Schaugeschäfte lockte potentielle Besucher durch einen Ausrufer gekonnt an:

„Meine Damen und Herren, kommen Sie herein in die bunte Bühne! In unserer heutigen Abendvorstellung sehen Sie Sascha als Göttin der Jagd. Sascha ist die Gewinnerin zahlreicher Schönheitskonkurrenzen. Ich weise Sie jedoch ausdrücklich darauf hin, dass das Fotografieren von Sascha strengstens verboten ist!

Zu unserer heutigen Abendvorstellung haben nur Personen über 18 Jahre Zutritt!

Und jetzt: Kommen Sie! Kommen Sie, meine Damen und Herren! Außer Sascha sehen Sie auch andere Sensationen, die Sie nicht für möglich halten. Unsere Eintrittspreise für die heutige Abendvorstellung haben wir auf sagenhafte 50 Pfennige reduziert.

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie und staunen Sie!“        

Es verstand sich von selbst, dass meine Freunde und ich mit von der Partie waren und uns mit vielen anderen Schaulustigen in das Zelt drängten. Dicht gedrängt standen wir nun da und harrten der Dinge, die man uns versprochen hatte.

Als das grelle Licht ausging, und die etwas höher gelegene kleine Bühne in schummeriges und  buntes Licht getaucht wurde, kam Sascha mit fliegenden Haaren hinter dem Vorhang hervor; ein  weibliches Wesen, das uns keine schlaflosen Nächte hätte bescheren können. Sie trug eine weiße, mit bunten Pailletten besetzte Bluse, hatte ein kurzes und enges Röckchen an und stand auf  Beinen, die jedenfalls bei mir keinen Hormonschub hätten auslösen können. In den Händen hielt sie eine mit einem etwa 80 Zentimeter langen Pfeil gespannte Armbrust; eine bogenähnliche Fernwaffe, deren  Rückhaltevorrichtung für die Sehne es ihr ermöglichte, die Waffe ohne Anstrengung gespannt zu halten und dadurch lange und genau zielen zu können. Sie  kniete sich nieder und starrte in Schussstellung und ohne einen Laut von sich zu geben in eine Ecke des Zeltes. Atemlose Stille! Sie stand auf und richtete ihre Augen und ihre Armbrust gen Himmel.  Alle Besucher blickten suchend nach  oben, sahen aber nur das nackte Zeltdach. Absolutes Schweigen! Sie richtete die Armbrust gegen uns und versuchte ein Drohpotential aufzubauen. Stürmisches Gelächter! Sascha schien verunsichert  zu sein, verzog aber keine Miene. Sie wendete sich und zielte erneut und dieses Mal in die  andere Ecke  des  Zeltes. Zum Abschluss  kniete sie mit ihrer Armbrust vor der Brust  auf beiden Knien vor uns und neigte ihren Kopf. Tosender Beifall!. Ihr Auftritt dauerte  kaum länger  als zwei Minuten. Dann ging das Licht wieder an. Und die  nächste Sensation wurde lauthals von dem angekündigt, den wir bereits draußen kennen gelernt hatten.

Dieses Mal ging es um Hypnose. Freiwillige wurden von ihm gesucht und gefunden. Etliche junge Burschen kletterten auf die Bühne und nahmen auf Stühlen Platz, die im Halbkreis aufgestellt worden waren. Sie wurden von einem  Hypnotiseur in die Wüste versetzt. „Es wird warm und immer wärmer. Die Hitze wird fast unerträglich“, murmelte der Hypnotiseur. Und atemlose Stille lag im Raum, als die so in die Wüste versetzten „Versuchskarnickel“ sich auf seinen Befehl hin plötzlich zu entkleiden begannen, ihre Klamotten auf den Boden warfen und auf Geheiß des Meisters wie wild gewordene Affen in der Unterhose herum- und auf die Stühle sprangen, dabei abartig grölend. Da weckte sie der Hypnotiseur auf. Und sie sahen das jaulende Publikum, grapschten ihre Sachen, sprangen hinter die Bühne und machten sich auf und davon.

Ernst van Megern

Dezember 2015

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2 Gedanken zu „Die Pe-is-Kirmes“

  1. Ich glaube, mich dumpf erinnern zu können, dass wie bei Hagenbeck auch Menschen aus Afrika „präsentiert“ wurden. Kann das – leider – jemand bestätigen?

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  2. An die Pe-is-Kirmes erinnere ich mich noch sehr gut. Sascha, das goldene Weib, hätten meine Kumpel und ich auch gerne gesehen, aber mit 13 hatten wir keinen Zutritt.
    Ich habe, als gebürtiger Mülheimer auch ein kleines Buch über meine Lehrzeit ab 1952 bei Hamm und Schumacher geschrieben. Falls Interesse besteht, sende ich es gerne als Pdf-Datei zu.

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