Die erste kleine, etwas abenteuerliche Reise nach dem Krieg

Von Eva Timm

Meine Eltern und ich konnten im April 1945 mit einem der letzten Züge aus Berlin wegfahren und hatten natürlich sehr viel zurücklassen müssen.

Was mag wohl aus all dem geworden sein? Die nach der Ausbombung noch vorhandenen Möbel, die im Olympiastadion untergestellt waren, das Mietshaus in Neukölln, die wertvollen Dinge im Bankschließfach …? – Nachdem der ganze Schlamassel vorbei war, gewann das wieder sehr an Wichtigkeit.

Das Kriegsende haben wir in Lauenburg a. d. Elbe erlebt, in einem alten Haus direkt am Elbe-Trave-Kanal (er wurde 1936 in Elbe-Lübeck-Kanal umbenannt) in der britischen Zone. Auf der anderen Seite des Kanals begann schon die russische Zone. 

Irgendwann kam der Gedanke auf, man müsste mal wieder in Berlin nach dem Rechten sehen. Aber wie kam man dort hin? Man hatte zur dieser Zeit keine Möglichkeit, einfach von einer in die andere Zone zu fahren. Also was tun? Es blieb uns nur die Möglichkeit über die „grüne Grenze“, wie man es damals nannte. 

Meine Mutter und ich machten uns eines Nachts auf nach Berlin, zunächst zu Fuß nach Boizenburg (Elbe), von da aus fuhren Züge nach Berlin. Völlig unerfahren in nächtlichen Wanderungen hatten wir nicht bedacht, dass die Wege nach ausgiebigen Regentagen ziemlich matschig sein würden. Und prompt blieb ich mit meinen besten Schuhen – man will in Berlin ja schließlich gut aussehen – im Matsch stecken. Nichts war’s mit Berlin – wir mussten umkehren.

Aber man lässt sich ja doch nicht so schnell von einem einmal gefassten Plan abbringen. Nach einiger Zeit – es hatte länger nicht geregnet – machten wir uns nachts wieder auf den Weg nach Boizenburg. Wir schafften es dieses Mal und konnten in den frühen Morgenstunden im völlig überfüllten Zug unserem Traumziel entgegenfahren: Berlin!

Es war zwar nicht unser altes Berlin, aber wir waren trotzdem glücklich.

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