Unsere Reisen in die DDR

Ich muss bekennen, auch falls ich mich dadurch der Kritik Betroffener aussetze, dass mich der Vorgang Mauerfall  und Wiedervereinigung eigentlich nur als Bürger der BRD berührt hat. Unsere Familie hatte auf dem Gebiet der Teilung des gesamtdeutschen Territoriums keine nennenswerten Nachteile erlitten, weil unsere Gesamtfamilie seit Generationen vollumfänglich in Nordrhein-Westfalen angesiedelt war. Eine Ausnahme ergab sich dennoch, weil als Resultat des Zweiten Weltkrieges Bruno Dittrich, gebürtiger Schlesier, in die Familie meiner Frau einheiratete und sich somit durch dessen familiäre Verbindung eine Erweiterung unseres Familienclans nach Leipzig ergab. Dieser Sachverhalt berührt jedoch meine Einstellung zu meinem vorher Gesagten nicht wesentlich.

Zu Bruno Dittrich gehörte noch ein beträchtlicher Zweig seiner schlesischen Verwandtschaft, die sich mit drei Generationen in Leipzig angesiedelt hatte. Da war zunächst die älteste Generation bestehend aus Gustav und Else Wolf, seiner Schwester, sowie die Folgegeneration Karl Heinz und Ruth Meuschke mit deren Sohn Christian mit Braut Rita als der dritten Generation. Zu Besuch nach Westdeutschland kamen nach den Regeln der DDR nur das Rentnerpaar Gustav und Else, während Bruno und Wilhelmine als Bundesbürger  öfter die Gelegenheit nutzten, einen Besuch in Leipzig abzustatten. Für die in Leipzig einzuleitenden Einreiseformalitäten leistete Gustav vor Ort die erforderliche Vorarbeit.

Zu Ostern 1976 vereinbarten wir als hiesige zweite Generation bestehend aus Heidrun, Wilhelmines Tochter und Schwester meiner Frau mit Ehemann Karl Heinz – als dritter Träger dieses offenbar beliebten Männernamens in der Familie – eine Reise über die Osterfeiertage nach Leipzig. Meuschkes besitzen in Leipzig ein eigenes Mietshaus. Schließlich verfügte der Chef der Familie über ein Fliesenlegerunternehmen, dem er als Meister vorstand. Ehemalige DDR-Bürger wissen, welche Vorteile solch ein Unternehmen selbst unter DDR-Verhältnissen mit sich brachte. Es versteht sich, dass man uns als Gäste aus der BRD auf Ausflügen mit dem Auto die Elbe entlang bis Bad Schandau alle erreichbaren Sehenswürdigkeiten der Region zeigte. Im Elbsandsteingebirge besuchten wir den Königstein mit dem Palast August des Starken. Als wir dort die sanitären Anlagen aufsuchen mussten, leitete man uns als erkennbare Westler an der Warteschlange vorbei unmittelbar zu den Toiletten und reichte uns nach den rituellen Handwaschungen frische Textilabtrockner, wofür wir uns mit einigen DM-Münzen bedankten – insgesamt eine etwas beschämende Situation. Damit nicht genug lud uns die Gastfamilie zu einem Abendessen in Auerbachs Keller in Leipzig ein. Man bestellte ein Runde Schweinshaxen mit Kraut. Vorab zur Überbrückung der Wartezeit wegen der Zubereitung des Essens tranken wir einige Runden Bier. Als unser Tisch wegen der zahlreichen Bierrunden die leeren Gläser kaum noch fassen konnte, wiederholte Christian die Frage nach dem Verbleib unserer Bestellung. Er erhielt zum wiederholten Male die Auskunft: Die Haxen schwimmen noch.   

Einen zweiten Besuch mit Frau, Sohn und Tochter hatten wir an unseren Jahresurlaub im Herbst 1978 angehängt, den wir im Bayrischen Wald verbracht hatten. Über den Grenzübergang Hof war es bis Leipzig nicht mehr weit. Wieder waren wir im Hause Meuschke sehr willkommen. Christian war mal neugierig, ein West-Auto zu fahren, zumal mein Firmen-PKW vom Typ her ein VW Passat, TS war, also die Sportversion mit entsprechender Armaturenausstattung und 75 PS Motorleistung. Wiederum zeigte man uns Besonderheiten der näheren Umgebung und als wir von der Besichtigung des Völkerschlachtdenkmals die Rückfahrt mit unserem Passat zum Domizil Meuschke machten, unterlief mir ungewollt ein Verkehrsvergehen nach DDR-Recht, indem ich an einer Haltestelle der Straßenbahn, deren Gleise in der Straßenmitte verliefen, neben dem langen Straßenbahnzug anhalten musste. Nach westlichem Verkehrsrecht genügt es, wenn man den ein- und aussteigenden Fahrgästen im Bereich der Wagentüren genügend Raum lässt. Bei dem Start zur Weiterfahrt traten zwei Polizeibeamte auf die Fahrbahn und geboten Anhalten. Neben mir saß Karl Heinz und fragte nach Öffnen des Seitenfensters nach dem Anhaltegrund. Die Beamten verlangten jedoch den Fahrer zu sprechen. Als ich ausgestiegen war und auf den Gehweg trat, musste ich mir einen längeren Vortrag über mein Verkehrsvergehen anhören, das darin gipfelte, ich solle die Cowboymethoden meiner Fahrweise doch besser in der BRD ausleben. Die Leipziger Gastgeber in meinem Wagen äußerten bei der Weiterfahrt die Meinung, dass ich noch einmal Glück gehabt hätte. Der Vorfall hätte auch zu einer Geldbuße führen können.

Amüsant wurde es dann doch noch einmal bei der Wiederausreise an der Grenze Marienborn/Helmstedt. Wir hatten uns, nicht zuletzt um das beim Zwangsumtausch erhaltene Ostgeld loszuwerden in Leipzig auf dem Markt Kartoffeln gekauft, weil zu jener Zeit bei uns zu Hause wegen einer mangelhaften Ernte diese recht teuer waren. Ich lernte dabei sogleich den Grund kennen, weswegen im DDR-Grenzbereich dauernd von Geflügel gesprochen wird: Gennse fleisch den Gofferraum aufmochen? – Als der DDR-Grenzer die Kartoffeln entdeckte, staunte er nicht schlecht und bemerkte, dass es uns in der BRD wohl sehr schlecht mit landwirtschaftlichen Produkten gehen müsse, wenn wir uns schon aus der DDR mit Kartoffeln eindecken müssten. Das war noch nicht alles, denn ich sollte das Polster von der Rückbank einmal anheben, damit er darunter schauen könne. Auf meine Bemerkung, dass dieses Polster fest eingebaut sei, beorderte er mich auf die andere Seite des Autos und forderte mich auf, nach seiner Methode einmal kräftig mit der Faust unter den oberen Rand des Sitzes zu schlagen. Tatsächlich löste sich die Polsterbank und der Grenzer bemerkte triumphierend, dass wir Westler erst einmal in die DDR kommen müssten, um zu erfahren wie unsere Autos funktionierten. 

Ich habe die Entwicklung der Protestbewegung der DDR-Bürger mit den Sprechchören Wir sind das Volk mit gewisser Sorge verfolgt, denn in Rückbesinnung auf den Aufstand der Bauarbeiter in der Berliner Stalin Allee und den Unruhen in Prag in Verbindung mit dem Prager Frühling schienen diese Bedenken sehr berechtigt. Diese für die jeweiligen Regime Existenz bedrohenden Volksbewegungen hatten die Streitkräfte der sowjetischen Schutzmacht auf den Plan gerufen. Meine Gedanken kreisten um  diese ähnlich gelagerten Vorgänge mit ihren beklagenswerten Ergebnissen. Doch nicht zuletzt infolge der besonnenen Politik der maßgebenden Politiker auf beiden Seiten der Machtblöcke gestaltete sich die Umkehr der Systeme in ruhiger Art und Weise.

Als Westdeutsche interessierten uns die Entwicklungen in den Neuen Bundesländern, und wir wagten etwa drei Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine Erkundungsreise in Richtung Rügen, um zu erfahren, was sich dort drüben so tut. Wohlweislich haben wir vor Einfahrt in das neue Bundesland Mecklenburg-Vorpommern eine Übernachtung in Lübeck eingelegt. Wir sammelten unsere ersten Erfahrungen bei der Autofahrt hinter der ehemaligen Grenze, indem wir feststellten, dass die Bundesstraßen sehr gut und neu ausgebaut waren. Sobald wir uns jedoch einer Stadt näherten und auf die Regionalstraßen kamen, änderte sich das Fahrgefühl, weil die Ortsdurchfahrten noch auf ihre Erneuerung warteten. Da wir auf unserem weitläufigen Ziel Rügen nichts für Aufenthalt und Übernachtung festgemacht hatten, suchten wir aufs Gratewohl in Küstennähe nach einer entsprechenden Möglichkeit und wurden in Altenkirchen bei Kap Arkona fündig. Die Familie Henschel stellte uns ihre voll eingerichtete Datscha in ihrem Garten zur Verfügung. Wir nahmen noch dreimal Gelegenheit, die Insel ausgiebig kennen zu lernen und besuchten auch ihre kleine Schwester Hiddensee, datt sööte Länneke wie Gerhard Hauptmann seinen Altersruhesitz nannte.

Im September 1993 fuhren wir in Richtung Erzgebirge, um uns nach den dort gefertigten Holzschnitzerkunstwerken umzuschauen, doch bereits vor Erreichen des eigentlichen Zentrums dieser Kunstfertigkeit wurden wir in dem kleinen Ort Neudorf fündig und kauften zwei der traditionellen Schwippbögen, um zu Hause unsere Adventsdekoration zu bereichern. Auf dem Rückweg aus dem Erzgebirge nahmen wir in Stollberg in einem Hotel-Restaurant Quartier. Wir stießen bei einem Abendspaziergang auf eine burgartige, weitläufige Schlossanlage und schauten uns auf der Hofanlage um. Merkwürdig fand ich die vergitterten Fenster und die hohen Stacheldraht bewehrten Umfassungsmauern. Unser Hotelier klärte uns darüber auf, dass es sich bei der Festung um das gefürchtete ehemalige Frauengefängnis Hoheneck  handelte. Wir gewannen damit hautnah einen nicht so erfreulichen Eindruck von dem verflossenen System, aber auch dieses gehört zu den gesammelten Eindrücken. 

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